Betriebsrätekonferenz Ost in Berlin

Betriebsrätepreis Ost geht an die mutigen Kolleginnen und Kollegen bei Halberg Guss

28.08.2019 | Ein außergewöhnlicher Arbeitskampf des Sommers 2018 – 47 Streiktage – stand bei der Betriebsrätekonferenz Ost am 28. August noch einmal im Rampenlicht. Die IG Metall ehrte den erfolgreichen Einsatz der Kolleginnen und Kollegen bei Halberg Guss in Leipzig und Saarbrücken als Lehrstück in Sachen Solidarität, Mut, Kampfeswillen und Durchhaltevermögen mit dem Preis: "Gemeinsam.Engagiert.Mutig. Für eine gute Zukunft."

Preisverleihung an die Kollegen der ehemaligen Neue Halberg Guss in Leipzig. Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall (r.), hielt die Laudatio. Zu den Gratulanten zählten auch Bernd Kruppa, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Leipzig (l.), und Wolfgang Lemb, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall (2.v.l.). Fotos 1-3: Bianka Huber

Foto 4: Volker Wartmann

Bernd Kruppa, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Leipzig, gratulierte den 600 Kolleginnen und Kollegen der ehemaligen Neuen Halberg Guss zu ihrem Preis, den "sie für besonderes und herausragendes Engagement und zur Stärkung von Respekt, Solidarität, Toleranz und Gerechtigkeit in Betrieben und Gesellschaft mehr als verdient haben". Kruppa betonte: "Es war ein scheinbar aussichtsloser Kampf David gegen Goliath. Doch die Kumpels in Leipzig haben mit ihrem Kampfeswillen das Unmögliche möglich gemacht und in konsequenter Einigkeit mit dem Schwesterbetrieb in Saarbrücken die Schließung beider Standorte verhindert. Das verdient unseren größten Respekt!"

"Liebe Kollegen, Ihr habt den Preis mehr als verdient. Ihr habt das Unmögliche erreicht: nämlich eine Perspektive für die Belegschaft und den Standort", sagte Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall, in seiner Laudatio bei der Preisverleihung in Berlin. "47 Tage wurde an beiden Standorten gestreikt. Es war der erste gemeinsame Ost/West-Streik und der längste Streik in Ostdeutschland. Allein dafür gebührt Euch der Preis."

Jörg Hofmann überreichte den Preis stellvertretend für die Leipziger Belegschaft an den Betriebsratsvorsitzenden Thomas Jürs, seinen Stellvertreter Frank Eberhardt und Betriebsrat Thomas Karnik. Dass Solidarität bei den Kolleginnen und Kollegen in Leipzig auch nach dem eigenen Streiksommer groß geschrieben wird, stellten sie sofort unter Beweis. Das Preisgeld in Höhe von 1.000 Euro reichte Thomas Jürs an die streikende Riva-Belegschaft weiter. In Horath und Trier sind die Kolleginnen und Kollegen seit dem 11. Juni 2019 im Streik. Sie kämpfen für eine Heranführung an den Flächentarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie in Rheinland-Pfalz.

In seiner Laudatio betonte Jörg Hofmann: "Die Auseinandersetzungen und der Erfolg sind ein herausragendes Beispiel für die Durchsetzungsfähigkeit der IG Metall gerade auch im Osten; geprägt durch höchste Loyalität und Solidarität, großes Selbstvertrauen und tolle Aktionen." Die Voraussetzung für einen solch langen Streik sei ein hoher Organisationsgrad, erklärte Hofmann. Hinter dem Erfolg in diesem Arbeitskampf stecke "ein gigantischer Durchhaltewillen, Mut, Kreativität und Kampfbereitschaft, eine hohe Disziplin auch bei unkonventionellen Streikformen, eine große Unterstützung aus Betrieben und Geschäftsstellen in den Regionen, von Kirchen, Verbänden und aus der Politik", so Hofmann weiter. "Und nicht zuletzt eine Medien- und Öffentlichkeitsarbeit, ohne die es nicht gelungen wäre, die Verantwortung für das Desaster dem 'Eigentümer' zuzuschreiben."

"Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche!" Dieser Leitspruch des kubanischen Revolutionsführers Che Guevara begleitete die Belegschaft in Leipzig über die heißen sechseinhalb Streikwochen im Sommer 2018. Die Kolleginnen und Kollegen drohten einem Streit zum Opfer zu fallen, mit dem sie selbst nichts zu tun hatten. Hintergrund der Auseinandersetzung sind anhaltende Vertragsstreitigkeiten zwischen dem Autobauer Volkswagen und einem seiner größten Zulieferer, der Prevent-Gruppe. 2.200 Menschen lebten in der Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Die Gießerei in Leipzig sollte komplett geschlossen werden, sämtliche 600 Beschäftigte standen infolge von unprofessionellem Management und Profitgier kurz vor dem Aus. Am Halberg-Guss-Standort in Saarbrücken drohte ein massiver Arbeitsplatzabbau. Die IG Metall Leipzig mischte sich in den Konflikt ein und bezog mit einer tarifvertraglichen Forderung eine eigene, handlungsfähige Position.

Durch ihre beispielhafte Disziplin, den hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad und die Unterstützung und Solidarität einer breiten Öffentlichkeit ist den kampfstarken Halbergern gelungen, was anfangs unvorstellbar schien: Sie konnten mit ihrem Streik die Gusswerke an zwei Standorten und damit ihre Arbeitsplätze sichern.

"Die Kolleginnen und Kollegen von Halberg Guss haben diesen Preis für ihre Entschlossenheit, ihre Ausdauer und die Solidarität beider Standorte wirklich verdient. Der Kampf der Leipziger wurde stellvertretend für alle Beschäftigten in Ostdeutschland geführt", sagte Olivier Höbel, IG Metall-Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen. "Es ging hier um die Absicherung der sozialen Existenz, aber auch um die Ehre und Würde von hart arbeitenden Menschen, die sich nicht zum Spielball von mächtigen Kapitalinteressen haben machen lassen. Das Grundrecht auf Streik ist das Recht auf Notwehr gegen die Zumutungen des Systems der Profitmaximierung."

Weitere Informationen: www.projekt-zukunft-ost.de

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