24.07.2026 | Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn wir auf die vergangenen Monate schauen, dann wird deutlich: Die Herausforderungen für unsere Branche werden nicht kleiner. Im Gegenteil. Die Krise in der Automobilindustrie verschärft sich weiter.
Wir erleben tiefgreifende Veränderungen durch Digitalisierung, Automatisierung und die Transformation der Antriebe. Gleichzeitig geraten unsere Unternehmen durch wirtschaftliche Entwicklungen und politische Entscheidungen in wichtigen Märkten wie China, den USA und Europa zunehmend unter Druck.
Die Folgen spüren wir längst auch hier in Leipzig. Viele Kolleginnen und Kollegen haben ihre Unternehmen verlassen. Leiharbeit wurde abgebaut. Altersteilzeitvereinbarungen, Aufhebungsverträge und Kündigungen prägen das Bild. Und täglich lesen wir neue Meldungen über Stellenabbau und Sparprogramme in der gesamten Automobilindustrie.
Was uns dabei besonders ärgert, ist die öffentliche Debatte.
In manchen Kommentarspalten entsteht der Eindruck, als wären die Beschäftigten schuld an dieser Situation. So, als hätten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über ihre Verhältnisse gelebt. Als wären gute Tarifverträge, faire Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen das Problem.
Das ist schlicht falsch.
Die Beschäftigten haben diese Unternehmen erfolgreich gemacht. Sie haben Produktivität geschaffen, Innovationen umgesetzt und Milliardenwerte erwirtschaftet.
Während tausende Arbeitsplätze derzeit abgebaut werden, fordern manche Arbeitgeber gleichzeitig längere Arbeitszeiten und weitere Einschnitte. Das passt nicht zusammen.
Unsere Arbeitsbedingungen sind auch nicht vom Himmel gefallen. Arbeitszeitverkürzungen, Tarifverträge und soziale Standards wurden über Jahrzehnte erkämpft und oftmals mit Kompromissen bezahlt. Das dürfen wir nicht vergessen.
Doch die Herausforderungen beschränken sich nicht auf unsere Betriebe.
Gleichzeitig erleben wir politische Diskussionen über Kürzungen bei Bildung, sozialer Sicherheit und staatlichen Leistungen. Oft wird so gesprochen, als wäre unser Sozialstaat ein großzügiges Geschenk.
Aber genau das ist er nicht.
Wir alle finanzieren ihn jeden Monat mit unseren Beiträgen und Steuern. Er schützt Menschen bei Krankheit, Arbeitslosigkeit, Pflegebedürftigkeit oder im Alter. Er sorgt für Stabilität und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.
Deshalb dürfen soziale Sicherheit und gute Arbeit nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Schauen wir uns die gesellschaftliche Entwicklung insgesamt an, dann wird die Schieflage noch deutlicher.
Mehr als 13 Millionen Menschen leben inzwischen in Deutschland in Armut oder sind davon bedroht. Gleichzeitig wächst die Zahl der Superreichen rasant. Große Vermögen konzentrieren sich auf immer weniger Menschen.
Diese Entwicklung zeigt: Es gibt genug wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in unserem Land. Die entscheidende Frage ist, wie Wohlstand verteilt wird und wer die Lasten der aktuellen Krisen tragen soll.
Für uns ist die Antwort klar:
Nicht die Beschäftigten dürfen immer wieder die Rechnung bezahlen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
was in dieser Situation fehlt, ist ein klares Zukunftsbild.
Wir brauchen Perspektiven statt Beschimpfungen.
Wir brauchen Investitionen statt Verunsicherung.
Wir brauchen klare Entscheidungen statt Spekulationen, die unnötig Sorgen erzeugen.
Das gilt für Europa - das gilt für die Bundesregierung - das gilt für die Metall- und Elektroindustrie insgesamt.
Aber eines muss klar sein:
Zukunftsperspektiven dürfen nicht dauerhaft und einseitig mit Lohnverzicht erkauft werden.
Einen Wettbewerb über immer niedrigere Arbeitskosten werden wir in Deutschland niemals gewinnen. Unser Erfolgsmodell ist ein anderes: Qualität, Innovation, Produktivität und das Wissen der Beschäftigten.
Die Kolleginnen und Kollegen sind nicht die Ursache der Probleme. Sie sind ein wichtiger Teil der Lösung.
Jeden Tag beweisen sie, dass sie Transformation gestalten können. Sie meistern neue Technologien, neue Prozesse und steigende Anforderungen. Sie sorgen mit ihrem Engagement dafür, dass Unternehmen erfolgreich sind.
Deshalb haben sie Verlässlichkeit, Respekt und eine konkrete Zukunftsperspektive verdient.
Unser Ziel bleibt eindeutig:
Beschäftigung sichern. Investitionen sichern. Perspektiven sichern.
Kurz gesagt:
Zukunft für Leipzig. Sicher, fair und mit Perspektive.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ein weiterer wichtiger Punkt in diesem Jahr ist die Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie.
Diese Krise darf kein Normalzustand werden und sie darf erst recht nicht als Vorwand dienen, um Arbeitnehmerrechte zu schleifen und Tarifstandards auszuhöhlen. Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, wie wichtig starke Gewerkschaften sind. Gut organisierte Belegschaften, Mitbestimmung im Betrieb und starke Tarifverträge sind kein Standortnachteil – sie sind ein demokratischer Stabilitätsfaktor.
Die Inflationsraten kennen alle. Sie spüren es täglich beim Einkaufen und Tanken. Wenn man sich speziell den Lebensmittelbereich ansieht, kommt man zum Ergebnis, dass dort die Preise zwischen 2020 und 2025 um 36 Prozent erhöht wurden. Tarifpolitik muss Sicherheit geben, sie muss Reallöhne sichern, sie muss gute Arbeitsbedingungen verteidigen und Zukunft schaffen. Wer jetzt meint, Beschäftigte müssten den Gürtel noch enger schnallen, dem sagen wir deutlich: Nein! Beschäftigte und ihre Familien müssen vernünftig leben können. Weitere Kaufkraftschwächung schlägt sofort auf die Binnennachfrage aus und wird das prognostizierte bisschen Wirtschaftswachstum weiter ausbremsen. Kurz gesagt: Arbeitslose Kollegen und Beschäftigte, deren Geld immer weniger wert ist, kaufen dementsprechend vorsichtig ein. Auch ein Auto steht dann mit Sicherheit nicht oben auf der Liste.
Aktuell läuft unsere bundesweite Beschäftigtenbefragung in der Metall- und Elektroindustrie
Dabei geht es um eine zentrale Frage:
Was ist den Kolleginnen und Kollegen wichtig?
Welche Themen müssen wir in die Tarifrunde einbringen?
Welche Prioritäten haben die Beschäftigten in den Betrieben?
Deshalb unser Appell: Nehmt an der Befragung teil. Die entsprechenden QR-Codes sind in den Betrieben verteilt bzw. können bei den Betriebsräten, Vertrauensleuten und der IG Metall Geschäftsstelle erfragt werden.
Je mehr Kolleginnen und Kollegen ihre Meinung sagen, desto stärker wird das Signal für die kommenden Verhandlungen.
In den nächsten Monaten stehen Diskussionen, Forderungsbeschlüsse und Tarifverhandlungen an. Sollte es notwendig werden, gehören auch betriebliche Aktionen und Warnstreiks zu unserem Instrumentarium.
Doch über den Erfolg entscheidet am Ende nicht allein die Verhandlungskommission.
Entscheidend ist die Unterstützung der Beschäftigten.
Und damit kommen wir zum wichtigsten Punkt:
Es braucht alle.
Gute Argumente allein reichen nicht. Gute Ergebnisse entstehen nur dann, wenn Beschäftigte bereit sind, gemeinsam für ihre Interessen einzustehen.
Je größer der Zusammenhalt, desto stärker unsere Position.
Je größer die Beteiligung, desto besser die Chancen auf ein faires Ergebnis.
Deshalb gilt:
Du zählst.
Jede Kollegin und jeder Kollege zählt.
Gerade in schwierigen Zeiten ist Solidarität unsere stärkste Antwort.
Lasst uns füreinander einstehen, uns gegenseitig unterstützen und gemeinsam dafür sorgen, dass Leipzig auch in Zukunft ein starker Industriestandort mit guten und fair bezahlten Arbeitsplätzen bleibt.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
natürlich wünschen wir euch und euren Familien einen erholsamen Sommerurlaub und die Möglichkeit, etwas Kraft für die kommenden Monate zu tanken. Wir halten zusammen!